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Festvortrag am 25. September 2009


Univ.-Professor Dr. Joachim Zentes
Inhaber des Lehrstuhls für Betriebswirtschaftslehre, insb. Außenhandel und Internationales Marketing
Direktor des Instituts für Handel & Internationales Marketing (H.I.MA.)
Direktor des Europa-Instituts, Sektion Wirtschaftswissenschaft,
der Universität des Saarlandes, Saarbrücken

Menschen, Märkte und Moral:

Auf dem Weg zu einer globalen Wirtschaftsordnung


Prof.Dr.Zentes
In dem Vortrag möchte ich nicht weitere düstere Prognosen hinsichtlich der künftigen Entwicklung der deutschen, der europäischen und der weltweiten Konjunktur verbreiten, nicht ein geradezu apokalyptisches Szenario zeichnen und Sie alle in eine kollektive Depression versetzen. Ich möchte auch nicht die Wirksamkeit der vielfältigen Therapieprogramme, so in Deutschland, der EU, den USA diskutieren. Ich möchte mich auch nicht in die allgemeine Managerschelte einreihen, sondern einige Gedanken vortragen, wie ich die Entwicklung der Weltwirtschaftsordnung sehe, nachdem wir die gegenwärtige Krise, die eben auch eine strukturelle Krise kapitalistisch-marktwirtschaftlicher Systeme ist und nicht nur eine konjunkturelle, überwunden haben. Und dies nicht nur in einem deskriptiv-prognostischen Sinne, sondern in einem bewusst normativen Sinne, denn die gegenwärtige Krise ist ganz wesentlich "die Folge eines Werteverfalls" (Horst-Eberhard Richter, Handelsblatt, 16. März 2009, S. 2).

Liberale Wirtschaftstheorie: Die unsichtbare Hand

Geht man an die Wurzeln der Marktwirtschaft zurück, so findet sich bereits bei Adam Smith, meist als Ahnherr der liberalen Wirtschaftstheorie eingestuft, die ethische Berechtigung der Marktwirtschaft. Das Eigeninteresse wird in seinem Konzept zum eigentlichen Motiv wirtschaftlichen Handelns, das auch unter ethischen Gesichtspunkten als verantwortlich zu sehen ist, da es dem Gemeinwohl dienlich ist. So formuliert Adam Smith: "Nicht vom Wohlwollen des Metzgers, Brauers und Bäckers erwarten wir unsere Mahlzeit, sondern von deren Bedachtnahme auf ihr eigenes Interesse. Wir wenden uns nicht an ihre Menschenliebe, sondern an ihre Eigenliebe und sprechen ihnen nie von unseren eigenen Bedürfnissen, sondern von ihren Vorteilen".

Das faszinierende "marktwirtschaftliche Paradoxon" war jedoch zu optimistisch. Ein Blick in die Frühphase der Industrialisierung im 19. Jahrhundert zeigt, dass trotz absolut liberaler Märkte, so des Arbeitsmarktes (16 Stunden tägliche Arbeitszeit, häufig an sieben Tagen in der Woche), wie Reinhard Marx, der heutige Erzbischof von München und Freising, in seinem Buch "Das Kapital" feststellt (S. 75): "klappte es nicht mit dem allgemeinen Wohlstand. Statt ihr segensreiches Wirken zu entfalten und ihr Füllhorn über die ganze Gesellschaft auszugießen, stopfte die 'unsichtbare Hand' sämtliche Profite der neuen Wirtschafts- und Produktionsweise in die Taschen der Fabrikherren, während die Masse der Arbeiter in Not und Elend lebte".

Es entwickelte sich gänzlich ohne Staatseingriffe ein "primitiver Kapitalismus", der häufig auch als "Manchester-Kapitalismus" bezeichnet wird. Ein "primitiver Kapitalismus", sicherlich in anderer Ausprägung, erlebte nach dem Fall der Berliner Mauer und damit nach dem Scheitern des empirischen Feldversuchs "Kommunismus" ein zweifelhaftes Comeback; darauf komme ich noch zurück.

Soziale Marktwirtschaft: Rheinischer vs. angelsächsischer Kapitalismus

Dem "alten" Wirtschaftsliberalismus setzten Wirtschaftstheoretiker wie Walter Eucken, Wilhelm Röpke, Ludwig Erhard und Alfred Müller-Armack das Modell des Neoliberalismus entgegen, das zwar auch von der inneren Funktionslogik der Marktwirtschaft ausgeht, sich zugleich aber zu der sozialen Verantwortung der Wirtschaft bekennt: Der Markt bedarf eines Ordnungsrahmens, einer vom Staat festgelegten Rahmenordnung, um im Dienste des Gemeinwohls zu wirken. Nach dem ordoliberalen Grundprinzip gehören Freiheit und Verantwortung untrennbar zusammen.

Dies ist das Grundprinzip der sozialen Marktwirtschaft, die wir nach dem 2. Weltkrieg in Deutschland etabliert haben und die im Übrigen ihre Wurzeln auch in der christlichen Soziallehre hat. Man denke etwa an den sicherlich noch bekannten Wahlspruch von Ludwig Erhard: "Wohlstand für alle". Die soziale Marktwirtschaft ist neben Kapitalismus und Sozialismus der "3. Weg", nach dem heute viele rufen; diesen Weg haben wir bereits vor 60 Jahren eingeschlagen.

Wilhelm Röpke stellt in seinem wohl wichtigsten Buch "Jenseits von Angebot und Nachfrage" fest: "Recht, Staat, Sitte und Moral, feste Normen und Wertüberzeugungen gehören zu diesem Rahmen nicht minder als eine Wirtschafts-, Sozial- und Finanzpolitik, die jenseits des Marktes Interessen ausgleicht, Schwache schützt, Zügellose im Zaun hält, Auswüchse beschneidet, Macht begrenzt, Spielregeln setzt und ihre Innehaltung überwacht. Marktwirtschaft ist eine notwendige, aber keine ausreichende Bedingung einer freien, glücklichen, wohlhabenden, gerechten und geordneten Gesellschaft. Das schließliche Schicksal der Marktwirtschaft ... entscheidet sich jenseits von Angebot und Nachfrage."

Dass heute mit "neoliberal" oder "ordoliberal" marktradikale bzw. kapitalistische Haltungen bezeichnet werden und dies negative Konnotationen auslöst, ist geradezu absurd - oder vielleicht auch "nur" Ausdruck von Ignoranz.

Die soziale Marktwirtschaft ist im Kern auf Nachhaltigkeit ("sustainability") ausgerichtet. Diese zielt auf drei Dimensionen ab:
  • ökonomische Nachhaltigkeit,
  • ökologische Nachhaltigkeit und
  • soziale Nachhaltigkeit.
Ökologische Nachhaltigkeit: Ein Versäumnis der neoliberalen Schule

Ökologische Nachhaltigkeit, d.h. Verantwortung für unsere Umwelt, stand in der Wiederaufbauphase nach dem 2. Weltkrieg naheliegenderweise nicht im Zentrum neoliberaler Wirtschaftstheorien und Wirtschaftspolitik. Dies ist sicherlich nicht als ein Irrweg einzustufen, wohl aber als ein Versäumnis. Es ist ohne jeden Zweifel ein Verdienst der "Grünen Politiker" hierfür sensibilisiert zu haben und diese Dimension der sozialen Marktwirtschaft zunächst in den Blick und dann später auch in die Programme der etablierten Parteien gerückt zu haben.

Der Fall der Berliner Mauer: Scheitern der Planwirtschaft - Renaissance des grenzenlosen Kapitalismus

Das marxistische Alternativmodell der Plan- oder Zentralverwaltungswirtschaft, das nach der Oktoberrevolution 1917 den Sowjetkommunismus, einschließlich den seiner Satelliten prägte, scheiterte vollständig, endete letztlich in einem ökonomischen Desaster, im Übrigen aber auch in einem moralischen: Die DDR bot uns genügend "Anschauungsunterricht". Der Fall der Berliner Mauer rund 70 Jahre später dokumentiert das Ende dieser Epoche. Wir feierten damals nicht nur die deutsche Wiedervereinigung, sondern auch die Überlegenheit kapitalistisch-marktwirtschaftlicher Systeme, als Ergebnis eines empirischen "Langzeitexperimentes". Dieser "Sieg" erwies sich jedoch als ein eher kurzsichtiger Triumph. Es entwickelte sich eine marktradikale kapitalistische Sichtweise, die das Primat der Verantwortung, insbesondere der sozialen Verantwortung, aus den Augen verlor, so auch bei uns in Deutschland.

Wir importierten aus den USA, insbesondere von den börsennotierten Kapitalgesellschaften geprägt, das Konzept des "Shareholder Value", was letztlich einen verabsolutierten "Aktionärskapitalismus" bedeutete. Spielfilme wie "Wall Street" heroisierten Figuren wie "Gordon Gekko" mit ihren "animal spirits" ("Gier ist gut").

Diese Shareholder-Orientierung steht bei oberflächlicher Betrachtung im Gegensatz zu dem sog. Stakeholder-Konzept, das die gleichberechtigten Interessen aller Anspruchsgruppen hervorhebt und sich letztlich in der sozialen Marktwirtschaft wieder findet; hierauf komme ich noch zurück.

Eine geradezu dramatische Diffusion erfuhr dieser interessenmonistische Ansatz durch die bisher in dieser Form und auch in ihrem Umfang völlig unbekannten und auch unvorstellbaren Aktivitäten der Private Equity Fonds und der Hedge Fonds. Für diesen "Kapitalkarawanen-Kapitalismus" fanden sich dann später spöttische Bezeichnungen wie "Geierfonds" (Vulture Fonds") oder "Heuschrecken".

So kritisiert der Ex-Chef der Deutschen Börse Werner Seifert zu Recht: "Es darf nicht sein, dass Fonds, die auf den Cayman-Inseln registriert sind und so gut wie keine Informationen über ihre Eigentümer oder ihre Geschäftspraktiken herausrücken, zentralen Einfluss darauf nehmen können, wie große und größte Unternehmungen in Deutschland und in anderen Industriestaaten geführt werden".

Weder die Shareholder-Value-Orientierung, noch Private Equity Fonds und Hedge Fonds sind grundsätzlich anzuprangern, sondern nur die Auswüchse. Dies gilt auch für Fragen der Managergehälter und Boni. Letztlich sind auch Renditeziele von 20 % aus ethischer Sicht nicht verwerflich. Sie lösen aber den Verdacht aus, dass sie nur durch unmoralisches Handeln erzielbar sind.

Es gehört aus meiner Sicht sicherlich nicht zu den Rahmenordnungen einer sozialen Marktwirtschaft, Einkommensobergrenzen festzulegen; es geht auch nicht darum, eine neue "protestantische Armutsästhetik" zu fordern, wohl aber müssen die Bemessungsgrundlagen bzw. die Anreize systemkonform sein. Es kann sicherlich nicht angehen, dass Manager von Banken und Fonds in einem Rausch, der heute gerne als "Casino-Kapitalismus" bezeichnet wird, Milliarden verspekulierten, dafür selbst aber geradezu absurde "Zocker-Boni" kassierten, jede Einmischung des Staates ursprünglich von sich wiesen und nun den Steuerzahler für ihre Spekulationsverluste einstehen lassen.

Mit Blick auf Manager, aber auch auf Politiker, gilt die alte Regel von Wilhelm Busch sinngemäß: "Gute Tiere musst Du kaufen - Mäuse und Ratten kommen von allein gelaufen".

Besinnen wir uns auf die Kernwerte der sozialen Marktwirtschaft zurück, dann löst sich im Übrigen auch der scheinbare Konflikt zwischen Shareholder- und Stakeholder-Orientierung. Die Grundorientierungen der sozialen Marktwirtschaft liefern auch Ansatzpunkte zur Gestaltung von systemkonformen Anreizen für Manager. Shareholder-Orientierung und Stakeholder-Orientierung sind kein wirklicher Konflikt; es handelt sich letztlich um eine Frage der Fristigkeit der Betrachtung. Nicht kurzfristige, und daher auch oftmals kurzsichtige, Betrachtungen sollten Management- und Aktionärsentscheidungen prägen, sondern langfristige.

Langfristiger Shareholder Value führt uns aber zu den aufgezeigten Dimensionen der Nachhaltigkeit zurück:
  • ökonomische Nachhaltigkeit,
  • ökologische Nachhaltigkeit und
  • soziale Nachhaltigkeit.
Globalisierung: Kein Export von Sozial- und Umweltstandards

In einer zunehmend globalisierteren Welt, so mit Blick auf die weltweite Vernetzung der Realwirtschaft und der mit ihr korrespondierenden Güterströme (Exporte, Importe), die weltweite Vernetzung der Kapitalmärkte und die sie begleitenden Finanzströme (bspw. Direktinvestitionen) und der dies ermöglichenden Informationsvernetzung, können nationale oder auch regionale, so auf EU-Ebene, Marktmodelle oder "Gesellschaftsspiele" nur begrenzt bestehen. Dies gilt auch für unsere "Marktwirtschaft rheinischer Prägung", und eben nicht angelsächsischer Prägung. Diese Globalisierung konnten die Väter des Konzepts der Marktwirtschaft nicht voraussehen. Auch in der Wirtschaftswissenschaft sprachen wir bis vor kurzer Zeit noch von "Nationalökonomie" bzw. "Volkswirtschaftslehre".

Die soziale Marktwirtschaft konkurriert mit Wirtschaftssystemen, z.B. totalitärer Staaten, mit Arbeitsbedingungen und Umweltbeeinträchtigungen, die schlimmer sind als zu frühkapitalistischen Zeiten der Industrialisierung: Sozial- und Umweltdumping werden zu neuen Phänomenen in der globalen Wettbewerbsarena. Neue Konflikte, auch auf ethischer Ebene, treten auf.

Die Chance auf Erschließung geradezu gigantischer Absatzpotenziale in diesen Ländern öffnete die Heimatmärkte für Exporte aus diesen Ländern, so im Rahmen der WTO-Vereinbarungen, ohne dass wir unsere Sozial- und Umweltstandards im Vorhinein auch nur ansatzweise dorthin "exportieren" konnten. Extreme Verwerfungen auf den heimischen Arbeitsmärkten waren und sind die Folge.

Sicherlich muss man Schwellenländern aus entwicklungspolitischer und damit auch sozialer Sicht niedrigere Standards zugestehen. Mit unseren heutigen Standards bzw. Normen hätten wir das deutsche Wirtschaftswunder sicherlich so schnell nicht schaffen können. Aber: Mindeststandards gilt es dennoch einzuhalten.

Die niedrigen Arbeitskosten und Umweltstandards ziehen zugleich ausländische Direktinvestitionen an, verstärken damit die Arbeitsplatzverlagerungen und führen auch zu moralisch bedenklichen Verhalten von Unternehmen durch "Gesetzesarbitrage": Einhaltung hoher sozialer und Umweltstandards im Heimatland bei gleichzeitig menschenunwürdigen Arbeitsbedingungen in den Schwellen- und Entwicklungsländern.

Sicherlich gibt es auch viele Unternehmen, die ihre Sozial- und Umweltstandards weltweit umsetzen, auch in Schwellen- und Entwicklungsländern; häufig stellt sich jedoch ein Konflikt oder ein Dilemma, wie der Theologe Küng bereits 2001 formulierte: "Wenn man auf zu hohen ethischen Standards beharrt, verliert man gegen skrupellosere Wettbewerber", eine Perspektive, die wir bereits im Jahre 2004 ausführlich in dem Lehrbuch "Internationales Wertschöpfungsmanagement" diskutierten.

Hier liegen im Kern wesentliche Ansatzpunkte für moderne Gewerkschaften. Ihre heutige Aufgabe sollte im Interesse ihrer Mitglieder in der Etablierung von Sozial- und Umweltstandards in diesen Ländern liegen. Dies wäre effektiver als das Streben nach Standortsicherungsverträgen im Heimatmarkt. Im Übrigen handelt es sich hierbei auch um durchaus ernstzunehmende Positionen von Globalisierungsgegnern; damit meine ich nicht den semi-professionellen Krawall-Flügel von Attac.

Auf mit Blick auf unsere ökologische Verantwortung dürfte ein Umdenken angebracht sein. Wir investieren in Deutschland seit Jahren und auch weiterhin Milliarden in die ökologische Verbesserung unserer Produktion und Logistik - und dies bereits bei extrem hohem Schutz- bzw. Effizienzniveau. Würden wir die gleichen Summen in Schwellen- und Entwicklungsländer, einschl. der osteuropäischen Staaten, investieren, dann wäre der Wirkungsgrad oder die Effektivität dieses Geldes wesentlich höher. Oder anders ausgedrückt: Aus ökologischer Sicht gibt es keine Erste, Zweite und Dritte Welt, die nichts miteinander zu tun haben, wie es Bischof Marx formuliert (S. 264), sondern es gibt nur Eine Welt. Mit Blick auf diese ist die Allokationseffizienz unserer gigantischen Mittel mehr als fraglich.

Staatskapitalismus: Gefahr des Neo-Etatismus

Die "Alt 68er"-Ideologen erfahren in diesen Tagen überraschend Genugtuung: Was sie selbst nicht zustande bringen konnten, aber vehement gefordert haben, schaffen Manager nun selbst: Banken und Schlüsselindustrien werden verstaatlicht oder drohen verstaatlicht zu werden, werden unter staatliche Kontrolle gestellt usw.: Der Staat soll es richten, der Staat als Stabilisator, der Staat als Schutzengel.

Sicherlich muss man zuerst löschen, wenn es brennt und kann erst dann über neue Brandschutzvorschriften nachdenken. Pragmatische Lösungen sind zunächst erforderlich. Aber: Die staatlichen Interventionen können sich zu einem Neo-Etatismus auswachsen, der die Dynamik der Wirtschaft lähmt (Zimmermann, DIW). Die Marktgläubigkeit, insbesondere die Finanzmarktgläubigkeit, der 90er Jahre darf jetzt nicht einer Staatsgläubigkeit weichen. Der Staat hat mehrfach bewiesen, dass er nicht der bessere Unternehmer ist, nicht nur in den sozialistischen planwirtschaftlichen Staaten, sondern auch bei uns. Man denke etwa an die Landesbanken, die KfW usw.

Auch "public owned, private managed" funktioniert nur in Ausnahmefällen - dies ist keine neue Erfolgsformel. Wir brauchen sicherlich keine "Volkseigenen Betriebe" (VEB), keine "DDR light".

Neue Weltwirtschaftsordnung: Globale soziale Marktwirtschaft

Ohne jeden Zweifel sind die "Chancen der Globalisierung" größer als die "Schatten der Globalisierung", um die Titel zweier Bücher des Nobelpreisträgers Stiglitz zu erwähnen. Die Globalisierung muss jedoch als politische Gestaltungsaufgabe verstanden werden; sie muss von einer durchdachten Ordnungspolitik begleitet werden.

Der katholische Theologe Küng forderte bereits 2001 ein "globales Ethos" oder weiter gehend eine ethische Rahmenordnung für eine globale Marktwirtschaft. Diesen Gedanken greift auch der katholische Bischof Marx auf, ohne in seinem Buch Küng auch nur zu erwähnen, wenn er für eine "globale soziale Marktwirtschaft" plädiert. Dies ist im Übrigen auch die Position von Franz-Josef Radermacher, Mitglied des Club of Rome, der sich für eine weltweite ökosoziale Marktwirtschaft ausspricht und eine "Global Marshall Plan Initiative" fordert.

Auf der politischen Bühne bastelt Angela Merkel an einer neuen Weltwirtschaftsordnung. Als Vorbild dient ihr, aus meiner Sicht völlig zu Recht, das deutsche Modell der sozialen Marktwirtschaft: "Wir alle wissen aus den Erfahrungen mit der Sozialen Marktwirtschaft in Deutschland: Märkte brauchen einen Ordnungsrahmen, und der Staat muss der Hüter der Ordnung sein", sagte Merkel und plädierte für eine "Charta des nachhaltigen Wirtschaftens"
(Handelsblatt, 02. Februar 2009, S. 3).

Anders als im deutschen Grundgesetz ist die soziale Marktwirtschaft als Ordnungsmodell in der Europäischen Union in Art. 2 Abs. 3 des Vertrages von Lissabon abgesichert: "Die Union errichtet einen Binnenmarkt. Sie wirkt auf die nachhaltige Entwicklung Europas auf der Grundlage eines ausgewogenen Wirtschaftswachstums und von Preisstabilität, eine in hohem Maße wettbewerbsfähige Soziale Marktwirtschaft, die auf Vollbeschäftigung und sozialen Fortschritt abzielt, sowie ein hohes Maß an Umweltschutz und Verbesserung der Umweltqualität hin. Sie fördert den wissenschaftlichen und technischen Fortschritt".

Diese neue Weltwirtschaftsordnung sollte nicht nur strenge Regeln für Finanzmärkte, Finanzprodukte und Finanzinstitutionen, so Banken, umfassen, sondern eine politische Ordnung auf Weltebene (Global Governance) schaffen. Diese globale Weltwirtschaftsordnung muss auch protektionistischen Tendenzen wie Handelsbarrieren, staatlichen Subventionen, Buy-Local-Kampagnen u.Ä. entgegenwirken. So wächst die Sorge vor einem wachsenden Protektionismus bei anhaltender oder gar sich verschärfender Wirtschaftskrise zu Recht. Parallelen zur Zeit der "Großen Depression" drängen sich auf. Zu erwähnen ist bspw. die sog. Smoot/Hawley-Gesetzesgebung im Jahre 1929, durch die Zölle auf mehr als 800 Produkte drastisch erhöht wurden. Die zu schaffende globale Weltwirtschaftsordnung muss zugleich soziale und ökologische Standards in den Mittelpunkt rücken.

Letztlich geht es bei vielen dieser Ansätze um die Wiederentdeckung des Leitbildes des "ehrbaren Kaufmanns": Anstand, Ehrlichkeit, Sparsamkeit, Mäßigkeit, Fleiß, Demut, Verlässlichkeit und Verantwortung sollen als Leitlinien wirtschaftlichen Handelns der Marktwirtschaft wieder zu einer besseren Reputation verhelfen. Auch das Prinzip der ökonomischen Nachhaltigkeit ist im Übrigen hierin implizit enthalten: "Ehrlich währt am längsten!".

Die Idee bzw. das Leitbild des ehrbaren Kaufmanns geht auf italienische Handelsbücher des Mittelalters zurück. Insbesondere durch die Hanse verbreitete sich diese Perspektive in Europa. So gingen die Hamburger Kaufleute stets davon aus, dass das gesprochene Wort gilt (FAZ, 26. Januar 2009. S. 12) - schlechte Zeiten für Juristen.

Diese Regeln des "ehrbaren Kaufmanns" gilt es im Hinblick auf den globalen Wettbewerb anzupassen, so auch unser Ex-Club-Mitglied Gerhard Cromme als Sprecher der deutschen Corporate-Governance-Kommission.

Nicht nur der ehrbare Kaufmann lässt sich der Wirtschaftsgeschichte, so der deutschen Wirtschaftsgeschichte, entnehmen, sondern auch "soziale Kapitalisten" oder "soziale Entrepreneure". Man denke etwa an die Fugger im 16. Jahrhundert, an Ernst Abbe (Carl-Zeiss-Stiftung), an Margarethe Krupp, an Robert Bosch, Gottlieb Daimler und in unserer Region an Hermann Röchling. Soziale Entrepreneure gibt es glücklicherweise auch in unserer Zeit: Dietmar Hopp und Heinz-Horst Deichmann sollen nur beispielhaft erwähnt werden.

Literaturhinweise
EKD (Hrsg.): Unternehmerisches Handeln in evangelischer Perspektive. Eine Denkschrift des Rates der Evangelischen Kirche in Deutschland, (Gütersloher Verlagshaus) Gütersloh 2008.
Marx, R.: Das Kapital - Ein Plädoyer für den Menschen, (Pattloch) München 2008.
Merz. F.: Mehr Kapitalismus wagen - Wege zu einer gerechten Gesellschaft, (Piper) München - Zürich 2008.
Morschett, D.; Schramm-Klein, H.; Zentes, J.: Strategic International Management, (Gabler) Wiesbaden 2009.
Röpke, W.: Jenseits von Angebot und Nachfrage, 4. Aufl., (Parabel) München 1992.
Scholz, C.; Zentes, J. (Eds.): Strategic Management - New Rules for Old Europe, (Gabler) Wiesbaden 2006.
Wirtschaftsrat Deutschland (Hrsg.): 10 Manager-Gebote in der Sozialen Marktwirtschaft, 2009.
Zentes, J.; Swoboda, B.; Morschett, D.: Internationales Wertschöpfungsmanagement, (Vahlen) München 2004.
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